Reinigen mit Köpfchen
Kaum jemand kennt ihn beim Namen – und doch wenden ihn die meisten ganz selbstverständlich an: den „Sinner’schen Kreis“.
Kurz gesagt bestimmen vier Faktoren das Reinigungsergebnis:
- Chemie
- Mechanik
- Temperatur
- Zeit
An diesen vier Stellschrauben lässt sich drehen – je nachdem, was man erreichen möchte.
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag
Wäsche kann man über Nacht einweichen. Dadurch lässt sich beim anschließenden Waschgang:
- weniger Waschmittel einsetzen
- bei niedrigerer Temperatur waschen
- ein schonenderes Programm wählen
Man hat also den Faktor Zeit drastisch erhöht und konnte dadurch Mechanik, Chemie und Temperatur reduzieren.
Im Privatbereich, wo die Waschmaschine nur wenige Stunden pro Woche läuft, ist Zeit ein entscheidender Hebel den man zur Verfügung hat.
Das Gegenteil in der Industrie
In der gewerblichen Textilwäsche sieht es ganz anders aus:
Dort hat man alles – nur keine Zeit.
Um Waschprozesse auf etwa 20 Minuten zu verkürzen, wird mit:
- starker Chemie
- hohen Temperaturen
- intensiver Mechanik
gearbeitet.
Das Ziel: maximale Auslastung der Maschinen.
Die Folge: Man bewegt sich oft an der Belastungsgrenze des Materials, verbraucht viel Energie und belastet die Umwelt mit Chemie.
Ein Blick zurück
Früher gab es nur milde Waschmittel. Also nutzte man:
- lange Einweichzeiten
- erhöhte Mechanik (Waschbrett)
Wohlhabendere Haushalte ersetzten die harte Arbeit (Mechanik) durch:
- langes Kochen der Wäsche
Auch hier zeigt sich: Man verschiebt die Faktoren – je nach Möglichkeit.
Was wirklich zählt
Welche Stellschraube wie genutzt wird, hängt immer ab von:
- Materialschonung
- Umweltaspekten
- Wirtschaftlichkeit
Und bei der Fensterreinigung?
Hier wird schnell klar, daß am Ende nur eine Stellschraube übrigbleibt:
Temperatur ?
Warm ja – aber nicht zu heiß.
Auf der Scheibe kühlt das Wasser ohnehin schnell ab bzw. verdunstet im Sommer zu schnell, wenn das Wasser zu warm ist. An dieser Stellschraube kann also kaum gedreht werden.
Chemie ?
Das Reinigungsmittel darf nur mild sein, um:
- Glas
- Dichtungen
- Rahmen
nicht anzugreifen. So ist auch diese Stellschraube kaum anzuziehen.
Mechanik ?
Auch an der Stellschraube der Mechanik (Reiben,Schrubben) kann kaum gedreht werden, da beim kräftigen, reibenden Bearbeiten der Scheibe Kratzer entstehen können, vor allem, wenn zu trocken gearbeitet wird.
Der Einwascher sollte also nur dazu dienen die Scheibe naß zu machen, nicht dazu, wie wild darauf herumzureiben.
Es bleibt also bei der Fensterreinigung nur noch die Stellschraube Zeit, an der gedreht werden kann ohne Schaden zu verursachen.
Jetzt wird es interessant.
Ein unerfahrener Reiniger arbeitet viel mit Mechanik:
Er reibt lange an jeder einzelnen Scheibe.
Wenn ein Handwerker so voller Elan an einer Scheibe rumrödelt, mag das den Kunden begeistern und er denkt sich, da strengt sich aber einer wirklich an. Daß das auf dem Glas womöglich Mikrokratzer hinterläßt, daran denkt er vermutlich nicht.
Ein erfahrener Fensterputzer setzt den Faktor Zeit strategisch ein:
- Er wäscht mehrere Scheiben vor
- So viele, dass keine eintrocknet
- Während er eine Scheibe abzieht, wirkt das Wasser auf den anderen
Bevor er abzieht, geht er noch einmal sanft mit dem Einwascher darüber.
👉 Ergebnis:
Der Schmutz wurde bereits gelöst, es ist nur noch wenig mechanische Arbeit nötig. Das ist am schonendsten für das Glas. Umso schonender, je weniger Druck man ausübt und je nasser gearbeitet wird. Damit wird der Schmirgeleffekt am Glas vermieden.
Der entscheidende Unterschied
Man reinigt also nicht nur mit dem Körper – sondern auch mit dem Verstand !
Die Zeit übernimmt einen Teil der Arbeit.
Und genau dadurch wird die Reinigung:
- effizienter
- materialschonender
- schneller
- ergonomischer
Aber keine Sorge: Es bleibt auch so für den Fensterputzer noch genug Anstrengung übrig.
Kleine Anekdote:
Einmal meinte eine Kundin: „Das ist ja eigentlich nur Gymnastik, was Sie machen !“ Ich daraufhin: “ Ja, dann machen Sie mal sechs Stunden Gymnastik !“
Das „Geheimnis“ der Profis
Viele glauben, der Fachmann habe ein geheimes Zaubermittel, das normal sterblichen vorenthalten wird.
Die Wahrheit ist deutlich unspektakulärer:
Das Zaubermittel heißt: Spülmittel.
Ob Pril, Frosch oder No-Name – entscheidend ist nicht die Marke.
Worauf es wirklich ankommt
Die Kunst liegt in der Dosierung.
- Zu wenig → mangelnde Benetzung und schlechte Reinigungswirkung
- Zu viel → Schlieren, da vollständiges Abziehen erschwert wird
Und diese Dosierung misst man nicht mit dem Becher.
Man entwickelt sie mit der Zeit – im Gefühl.
Denn:
- jedes Wasser ist anders
- jede Situation ist anders
Fazit
Der Sinner’sche Kreis ist kein theoretisches Modell.
Er ist tägliche Praxis.
Wer ihn versteht, arbeitet:
- effizienter
- schonender
- und letztlich besser
Die Gesetzmäßigkeiten des Sinner’schen Kreises lassen sich in allen Lebensbereichen anwenden, bei denen es um die Lösung von Stoffen geht.
Jetzt, wo Sie die Gesetzmäßigkeiten des Sinner‘ schen Kreise kennengelernt haben, werden Sie sicher nicht mehr panisch drauflos reiben, wenn einmal etwas verschüttet wurde.
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